Forschungsprogramm

Research Program


Die Fotografie als Medium umfasst eine fast zweihundertjährige Geschichte und hat unsere Sicht auf die Welt maßgeblich geprägt. Das Graduiertenkolleg erweitert den Blick von der Fotografie als Bild auf das Fotografische als Handlung. Einem solchen Verständnis folgend reicht das Fotografische bereits in vorfotografische Zeiten zurück. Antizipiert wird es u.a. durch die camera lucida und camera obscura, Apparaturen der Blickperspektivierung, Ikonografien der Stillstellung, Bildkonzepte des Alberti´schen Fensters oder Blickformen des Details und der Nahsicht. Eine Fortführung erfährt es in postfotografischen Medien bzw. digitalen Bildern und ihren Ordnungen, bei denen der ‚Aufzeichnungsmodus‘ der Analogfotografie durch digitale Kameras ins Binäre übersetzt wird.
Um den handlungsorientierten Ansatz des fotografischen Dispositivs als Agens zu präzisieren, wird das Graduiertenkolleg neben den zentralen film- und medienwissenschaftlichen Theorien auch philosophische, soziologische und philologische Dispositivkonzepte heranziehen und sie mit neueren Überlegungen zur Performanz und zur ›agency‹ korrelieren. Ziel ist es, ihre Gültigkeit für das Fotografische zu prüfen, Differenzen herauszuarbeiten und ein offenes, operatives Konzept des fotografischen Dispositivs zu entwickeln. Dabei soll ein zu enges, rein mechanistisch gedachtes Dispositivverständnis vermieden werden, das die fotografische Bildentstehung und -wahrnehmung als apparativen Automatismus mit normativer Kraft versteht und das Subjekt vor und hinter der Kamera sowie den diskursiven Kontext weitgehend unberücksichtigt lässt. Die Forschungsperspektive des Kollegs geht hingegen davon aus, dass die Entstehung, Handhabung, Wahrnehmung und das Zeigen der Fotografie gemeinsam mit den Diskursen über sie eine komplexe Handlung darstellen, die eine spezifische rhetorische, theatrale wie skopische Macht entfalten. Diese Bild-, Blick- und Diskursmacht soll jedoch nicht nur als repressives Disziplinierungsmittel oder flexible Selbstnormierungsstrategie auftreten, sondern auch als Störpotenzial und kreatives Bilderspiel in den Blick kommen.

Das Kolleg versteht das fotografische Dispositiv somit als ›Handlung zu fotografischen Konditionen‹, die sowohl fotografische Bilder wie auch fotografische Bildvorstellungen und Bildeffekte hervorbringen kann, aber nicht muss. Das Fotografische kann daher auch als Dispositiv im Film, den elektronischen oder digitalen Medien, in der Malerei und Grafik oder Literatur wirksam sein, die zu keinen Bildern oder Objekten im Sinn der analogen Fotografie führen.

Um den Transfer mutmaßlich fotografischer Spezifika in andere Medien genauer untersuchen zu können, müssen jedoch bestimmte Minimalbedingungen der Fotografie festgestellt werden. Diese Strukturmerkmale sind etwa die physikalisch-chemische Referenzialität (Ohne Referent kein Foto), die Nachträglichkeit des referenziell generierten Bildes (»Das da ist gewesen«), die Synchronizität der Memoria in der fotografischen Wahrnehmung (»Es war jetzt«), der Schnitt durch den Raum (es gibt immer ein relationales ›Außerhalb‹ des Fotos) sowie die Unterbrechung und Stillstellung der Zeit. Diese Struktur ist jedoch nicht identisch mit dem fotografischen Dispositiv im anvisierten Sinn. Vielmehr ist letzteres als Funktionsbestimmung eines Bildakts zu verstehen. Demnach geht es neben dem, was ein Foto bedeutet, ebenso um das, was es konkret ›tut‹ im Sinne von, was es mitbringt, wie es agiert und strukturiert, worauf es abzielt, was es verändert. Das fotografische Dispositiv ist also immer auch eine »Matrix für potenzielle Interaktionen«, die wechselseitige Modifikationen der Agierenden nach sich ziehen, zum Beispiel zwischen dem Referenten und dem Fotografen/der Fotografie oder zwischen dem Objekt der Fotografie und seinem Betrachter/Benutzer.


Diese dynamische und relationale Bestimmung erlaubt es, die paradoxale Anlage des fotografischen Dispositivs zu begreifen: So aktiviert es eine latente Fissur innerhalb des tendenziell geschlossenen Systems der Fotografie und eröffnet eine unkalkulierbare Anzahl von Interaktionen und daraus resultierenden Veränderungen. Das fotografische Dispositiv zeichnet sich primär durch seine Funktion des »Dis« aus, indem es den Riss in der Struktur der Fotografie virulent macht. Dadurch hält es die Möglichkeit bereit, dass die fotografische Struktur nicht notwendig in ein Dispositiv normativer rhetorischer und ikonischer Macht mündet, sondern aus ihrer genuinen Brüchigkeit heraus auch andere Praktiken als die vorhergesehenen generieren kann. Aus einer solchen Perspektive erschließt sich das doppelte Handlungspotenzial des Fotografischen: Im Modus geschmeidiger Anpassung fügt es sich in Dispositive der Macht, als kreativer, politisch subversiver Agent hingegen unterzieht es diese stets von neuem einer Zerreißprobe, und oftmals ist es in beide Praxen verwickelt.

Neben seiner disruptiven, aktivierenden und öffnenden Funktion gewinnt das fotografische Dispositiv auch eine reflexive Ebene. Indem es die Stabilisierungstendenz der fotografischen Struktur und das Destabilisierungspotenzial des Dispositivs gegeneinander ins Spiel bringt, erprobt es permanent seine dynamischen Qualitäten und stellt sie zugleich in einem stets neuen Handlungsrahmen aus. Dieses (Sich)Zeigen des fotografischen Dispositivs hält den performativen (Wieder)Aufführungscharakter des fotografischen Bildakts präsent und macht ihn theatral. Damit aber wird er zum Ausgangspunkt kritischer Reflexion und eröffnet Möglichkeiten bewusster affirmativer oder »widerspenstiger« Praktiken.

In diesem vielschichtigen Sinn wird das Kolleg den Dispositivbegriff für das Fotografische als epistemischen Leitfaden und nicht als zu fixierende Charakterisierung erarbeiten und nutzbar machen. Ansätze der Dispositivforschung sollen daher vergleichend diskutiert, spezifiziert und hinsichtlich ihres Zugewinns für das Fotografische befragt werden.

Das inhaltliche Spektrum des Kollegs eröffnet Raum für die Einbettung von Dissertationsprojekten, die einen fototheoretischen wie auch einen fotohistorischen Schwerpunkt setzen oder die den hybriden Übergängen vom Fotografischen ins Nicht-Fotografische nachgehen. Kulturwissenschaftlich sowie kunsthistorisch orientierte Promotionen, die sich mit konkreten fotografischen Objekten, Objektgruppen, KünstlerInnen und ihren Kontextualisierungen beschäftigen, sind im geplanten Graduiertenkolleg ebenso willkommen wie medienwissenschaftliche oder philologische Arbeiten, die theoretisch oder gegenstandsbezogen an Fotografien, dem Fotografischen oder den inter- sowie transmedialen Bewegungen des Fotografischen arbeiten.