Stipendiat/Innen

Zweite  Generation

Stipendiat*innen 2016-2019

Theresia Bäcker
th.baecker at hbk-bs.de
Vita

Der NS-Kunstraub in Fotoalben – Die Entwicklung vom Ordnungsprinzip zur Beweislast

Der Raub von Kunstgegenständen als kulturelles Phänomen kriegerischer Auseinandersetzungen zieht sich bis heute durch die Menschheitsgeschichte. Im zweiten Weltkrieg nahm der Kunstraub unter der NS-Herrschaft neue Maßstäbe an und wurde zudem erstmalig in verschiedener Weise fotografisch festgehalten. So erstellte der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) hunderte Fotomappen, in denen aus jüdischem* Besitz zusammengetragenes Raubgut in den besetzten Gebieten für die direkte Berichterstattung bei Hitler abgebildet und katalogisiert worden ist. Ziel der Arbeit ist es, die ERR-Alben als bürokratische Praxis und repressives Instrumentarium des NS-Kunstraubes vor der Frage der Evidenz neu zu verhandeln. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wurden die Alben als Beweismittel gegen Rosenberg eingesetzt. Die Untersuchung vollzieht sich daher anhand dreier historischer Abschnitte: dem Gebrauch der Alben zur NS-Zeit, im juridischen Diskurs um die Nürnberger Prozesse und in der sich anschließenden Restitutionsgeschichte des Raubgutes. Eine zentrale Fragestellung lautet, wie Fotoalben in den jeweiligen Rechtssystemen als Beweis genutzt wurden, um den NS-Kunstraub als eine Tat evident zu machen. Zur vergleichenden Untersuchung werden hierzu auch die Fotoalben der nie gebauten „Gemäldegalerie Linz“ herangezogen, die Fotografien derjenigen Werke zeigen, die mutmaßlich in die Sammlung des Museums aufgenommen werden sollten.

Ayse Lucie Batur
a.batur at hbk-bs.de
Vita

Photography and Resistance in the Era of Social Media: The Gezi Park Protests and the Creation of Collective Memory

This project addresses the changing role of photography in the digital era. Using the example of the Gezi Resistance that began at the end of May 2013 in Turkey, it explores the role of photography in creating a sense of community and a collective memory, particularly through social media.
It thus explores how we create, express, demand, and connect to each other through photography in order to consider broader issues of how we challenge the chasm of time and space, as well as social isolation, through photography in the digital era. This project suggests that photographs do not only present the world to us, but also helps us build it. The active participation of users in generating and sharing photographic images engenders a subversive narrative, a knowledge from below, that is not easily privy to the academic gaze but demands active participation.
The project draws on the fields of memory studies, new media studies, psychoanalysis, and theories of photography, studies on the relation between trauma, mourning, and photography, as well as on the function of photographs as testimony in the struggles for social justice.

Katja Böhlau
k.boehlau at hbk-bs.de

Männermode-Fotografien in der DDR

„Auch die Männer haben modische Ansprüche und modischen Ehrgeiz. Daß sich Mode und die ganze Vorstellungswelt, die mit ihr zusammenhängt, nur auf Frauen bezieht – diese Zeiten sind vorbei.“ So heißt es 1972 im Sonderheft zur Männermode der Sibylle, einer Zeitschrift für Mode und Kultur in der DDR. Die fotografische Inszenierung der Männermode und dieser mit ihr verbundenen ‚Vorstellungswelt‘ sind Gegenstand des Dissertationsprojektes.
Das Vorhaben untersucht die Männermode-Fotografien der DDR im Kontext ideologischer, wirtschaftlicher und ästhetischer Aspekte. Von zentralem Interesse sind die in und mit den Fotografien transportierten „Männer-Bilder“ und die Strategien ihrer Inszenierung.
Ansatzpunkt der Untersuchung ist die Berücksichtigung der jeweils eigenen Präsentationsformen in einer Modezeitschrift oder einem Versandhauskatalog. Mode erscheint in diesen Medien nach Roland Barthes als ‚abgebildete‘ sowie ‚geschriebene Kleidung‘. Es gilt zu analysieren, was sich zwischen fotografischem Bild und begleitendem Text konstituiert und die spezifische Ikonotextualität der Modeprintmedien der DDR herauszuarbeiten.
Anders als Modezeichnungen führen Fotografien aufgrund ihrer Indexikalität die Existenz eines Kleidungsstückes buchstäblich vor Augen. Diese Präsenz im Bild traf jedoch nicht selten auf eine Absenz im Handel. Fotografien in Modezeitschriften der DDR sollten kein Begehren wecken, das nicht erfüllt werden konnte. Somit ist auch zu fragen, was die Fotografien eigentlich zeigen?

Sarah Frost
s.frost at hbk-bs.de

“Das Gespenstische als Metapher und Geste. Fotografisches Zeigen und Erscheinen im Werk von Jerry Berndt” (Arbeitstitel)

Der US-amerikanische Fotograf Jerry Berndt (1943 – 2013) hat ein umfangreiches Œuvre geschaffen. Neben seiner Tätigkeit als Fotojournalist, sind kontinuierlich freie Serien entstanden, die das Dokumentarische konzeptuell erweitern. Besonders diese Seite seines Werks ist wissenschaftlich bislang kaum erschlossen.

Im Zentrum meiner Dissertation steht die bisher unveröffentlichte Serie “The Miraculous Photographs of Bayside” (1980-1984). Während einer Marienerscheinung in Queens, New York, fotografierte Berndt die Anhängerschaft des vermeintlichen Mediums Veronika Lueken. Über Tausend Gläubige nahmen an einem nächtlichen Erscheinungsritual teil: Ihre Sofortbild-Kameras empfingen ‚Nachrichten’ der Jungfrau Maria in Form von Lichtschrift auf den fotografischen Abzügen.

Ausgangspunkt meiner Betrachtung ist das Gespenstische als fotografische Geste und Metapher, die Berndt aus seiner Auseinandersetzung mit dem zentralen Motiv der Serie hervorgebracht hat; ein Sujet, das sich in die Folge historischer Geisterfotografie stellen lässt. Ich verwende den Begriff des Gespenstischen als imaginäre und diskursive Figur, um die Fotografie wie das Fotografische bei Berndt – d.h. das Medium, das Sujet und die mit ihnen verbundenen Handlungen – zu analysieren. Vor der Folie spezifischer Denkfiguren und Diskurse wie Zeigen/Nicht-Zeigen und passives Erscheinen soll die Serie in Bezug auf ihren Produktionskontext – Auftraggeber*innen, Empathie des Fotografen als Insider, sein intensiver artistic research etc. — untersucht und in Berndts Gesamtwerk eingebunden werden.

Lea Hilsemer
l.hilsemer at hbk-bs.de

Das Bild ist im Betrachter. Eine empirische Fallstudie zu Motiven ‚fotografierender Kunstbetrachtung’

Die Idee zu diesem Dissertationsprojekt fußt auf der Beobachtung, dass mehr und mehr Ausstellungsbesucher*innen gezeigte Kunst abfotografieren; oftmals ohne einen Blick über den Rand des Smartphones, Tablets oder Kamera-Displays hinaus zu werfen und also scheinbar anstatt sie zu betrachten. Ausgehend von diesem im Folgenden als ‚fotografierende Betrachtung’ bezeichneten Phänomen und aufbauend auf einer kulturwissenschaftlich-theoretischen Erweiterung des Bourdieu’schen Konzepts von Kunstrezeption, widmet sich das Promotionsprojekt einer qualitativen Untersuchung. ‚Fotografierende Betrachtung’ soll exemplarisch als eine mögliche Strategie der Kunstbetrachtung angenommen werden, die sich von jener des bislang in der Forschung hauptsächlich berücksichtigten wissensbasierten Verstehens unterscheidet. Als solche soll sie auf ihre Motive und Hintergründe befragt werden.
Mithilfe eines Interview-Verfahrens des visuell-soziologischen Ansatzes der Methode der reflexiven Fotografie werden unter Einbeziehung der von Ausstellungsbesucher*innen gemachten Aufnahmen leitfadenbasierte Interviews geführt, um zu untersuchen was das neue fotografierende Rezeptionsverhalten über das ästhetische Erlebnis ihrer Macher*innen aussagt.
Anhand der Untersuchung des konkreten Phänomens ‚fotografierender Betrachtung’ soll so sowohl der Diskurs über Kunstrezeption erweitert werden, als auch neben dem fotografischen Bild die fotografische Handlung von Kunstbetrachter*innen ins Blickfeld der Untersuchung treten, die sich unter Verwendung des Mediums Fotografie dem Kunstwerk nähern.

Lena Holbein
l-ch.holbein at hbk-bs.de
Vita

Das Archiv als Ort der Evidenz- und Bedeutungsproduktion in der zeitgenössischen Kunst. Über archivalische Verfahren im Umgang mit angeeigneten Fotografien

Mit dem „Archival Impulse“ (2004) proklamiert Hal Foster eine Tendenz in der zeitgenössischen Kunst, die Bestehendes aneignet und archivalische Displays zur Präsentation heranzieht. Darüber hinaus bestimmen Praxen des Archivs künstlerische Verfahren, denen Aneignungspraxen fremder Fotografien vorausgehen. Weisen des archivalischen Ordnens, Klassifizierens und Zeigens werden zitiert, umgeformt und hinterfragt. Beispielhaft für die Koinzidenz fotografischer Bildaneignung und einer archivalischen Praxis stehen ausgewählte Werke von Larry Sultan/Mike Mandel (Evidence, 1977), Joachim Schmid (Other People’s Photographs, 2008-11) und Peter Piller (Archiv Peter Piller nimmt Schaden, 2007), die den Gegenstand des Promotionsprojektes bilden.

Neben der Praxis der fotografischen Bildaneignung verbindet die drei zu untersuchenden Positionen eine Bezugnahme auf den Evidenzanspruch des fotografischen Bildes. Die in reinen Bildarrangements arbeitenden Künstler entlarven die vermeintliche Evidenz des fotografischen Bildes und eine daran geknüpfte Beweiskraft als Effekt fotografischer Handlungen. Damit scheint in der Koinzidenz von fotografischer Bildaneignung und der Aneignung archivalischer Praxen ein reflexives Potential mit Blick auf das Medium Fotografie begründet, dem mein Dissertationsprojekt nachspüren will als einem strategischen Verfahren innerhalb der zeitgenössischen Kunst.

Ausgehend von einer Analyse der künstlerischen Verfahren vor der Folie des Archivalischen und seiner Praxen (Ordnen, Klassifizieren, Zeigen) sollen die ausgewählten Positionen hinsichtlich eines kritischen Potentials befragt werden. Um den Werken in ihrer Prozessualität und Dynamik gerecht zu werden, steht neben den einzelnen sichtbaren Ausdrucksformen (Buch, Ausstellung, virtuellen Darstellungen im Netz) vor allem das komplexe Handlungsgefüge, das sich unter den Instrumenten Quellarchiv, Künstlerarchiv und medialen Ausdrucksweisen aufspannt, im Fokus.

Jasmin Kathöfer
j.kathoefer at hbk-bs.de
Vita

Eine andere Mediengeschichte der Spur

Ausgehend von der semiotischen Theorie Charles Sanders Peirce werden analoge Fotografien dem Zeichentypus des Index zugeordnet. Dies wird mit dem Licht begründet, das vom fotografierten Objekt auf den Bildträger fällt und sich als indexikalische Spur auf ihm einschreibt. Mit dem Medienumbruch von analog zu digital geriet der in der Fotografie-Theorie viel diskutierte Indexbegriff ins Wanken – die Indexikalität und damit der Wahrheitsanspruch der Fotografie wurde ob ihres digitalen Aufnahmeverfahrens für tot erklärt. Aktuell wird die Frage nach dem Indexbegriff unter Berücksichtigung neuer digitaler Medientechnologien vielerorts erneut gestellt. Immernoch werden analog/digital für diese Frage als Gegenpole betrachtet. Doch ist dies eine Position, die den Index in seiner Vielfältigkeit beschneidet. In meiner Arbeit möchte ich daher den Blick auf eben diese Vielfältigkeit richten und abseits der Differenz analog/digital nach Ausdifferenzierungen des Index suchen und zeigen, dass diese Zweiteilung nur einen kleinen Ausschnitt darstellt. Mit dem fotografischen Indexbegriff als theoretischem Hintergrund möchte ich spurbildende Medien beschreiben, denen ein analoger sowie digitaler Index, aber eben auch ein elektronischer und magnetischer, ein auditiver, ein sensitiver oder taktiler Index zugrunde liegen kann. Anhand von Fallstudien sollen konkrete Beispiele analysiert werden, um eine andere Mediengeschichte der Spur zu schreiben, die aufzeigt, dass es nicht nur einer Neubewertung sondern einer Expansion des Indexbegriffs bedarf. Auf diese Weise liefert die Arbeit auch einen Beitrag zum Verhältnis von Zeichen- und Medientheorie.

Elisabeth Pichler
e.pichler at hbk-bs.de
www.keinortsonderneinzustand.de

Archive auf Umwegen. Potentiale künstlerisch-kuratorischer Praktiken im Umgang mit Fotografien aus den Archiven der BStU

In meinem Promotionsvorhaben „Archive auf Umwegen“ untersuche ich Potentiale eines künstlerisch-kuratorischen Umgangs mit Fotografien aus den Archiven der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Diese Archive verwahren die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR und umfassen eine schier unüberschaubare Menge von weitgehend ohne Wissen oder Zustimmung der Betroffenen angelegten Unterlagen; gleichzeitig stellen sie eine einzigartige Dokumentation der MfS-internen Strukturen dar. Gut 25 Jahre nach dem Ende der DDR sind besagte Fotografien – schon vor einer möglichen Verwendung im Kunstkontext – mit vielschichtigen Zuschreibungen und Referenzrahmen versehen und können für diverse Narrative, visuelle Argumentationen und deren Hinterfragung genutzt werden.
Unter Berücksichtigung von Archiv- und Überwachungsdiskursen, der Befragung von Formen und Mechanismen des Dokumentarischen in der Kunst sowie Aneignungs-, Präsentations- und Repräsentationszusammenhängen, verbinde ich in meiner Arbeit theoretische Reflexion und Forschungspraxis: An konkreten Beispielen untersuche ich, mit welcher Intention das hochsensible fotografische Material in künstlerisch-kuratorische Arbeiten eingebunden wird und welche Rezeptions- und Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Für die praktische Annäherung entstehen Ausstellungssituationen und -beiträge, in denen ich mit Materialität, Konstellationen und Kontextualisierungen experimentiere und Formen des Sichtbarwerdens zur Disposition stelle. Besonderen Wert lege ich dabei auf kuratorische Fragestellungen und ‚Rahmungen‘ – textueller und visueller sowie institutioneller, ortsspezifischer und personeller Art.

Beate Pittnauer
b.pittnauer at hbk-bs.de

L’image juste. Intermediale Analysen zum Verhältnis von Fotografie, Erinnerung und Text

In seiner poststrukturalistischen Studie La chambre claire. Note sur la photographie (1980) verwendet Roland Barthes den Ausdruck des image juste. Es ist Metapher für eine subjektiv begründete Beziehung zwischen Realität und fotografischem Abbild, d.h. einer fotografischen Bildwahrnehmung, bei der Erinnerung und Imagination als modifizierende Potenziale wirksam werden. Dies führt zu der Frage, ob ein solcherart verstandenes image juste unseren Blick auf fotografische Bilder nicht eigentlich lenkt, diese überhaupt erst „lesbar“ werden lässt? Und was bedeutet dies weiterhin für die Betrachtung und den vermeintlichen Wahrheitsgehalt dokumentarischer Fotografie?
Das Dissertationsprojekt widmet sich im Rahmen von Forschungen zum fotografischen Dispositiv den Modalitäten fotografischer Präsentation und Bildwahrnehmung. Das Zeigen und Betrachten von Fotografie kann wiederum Anlass sein, sich über Bilder der eigenen oder fremden Geschichte zu äußern. Mit den fotografietheoretischen Ausführungen von Barthes liegt zugleich ein prominentes Fallbeispiel interpretierender und kommentierender Aussage über Fotografie vor.
Ausgehend von Barthes soll ein erster Schwerpunkt den fotografischen Illustrationspraktiken des Surrealismus gelten. Der Erzählliteratur des Surrealismus nachfolgend sollen Paris-Foto-Bücher prominenter, aber auch weniger bekannter Fotografen analysiert werden, die oft sehr eigenwillige, mal poetische, mal journalistische, mal autobiografische Textformationen mit der entsprechenden Stadtfotografie kombinieren. Die Frage nach dem „fotografischen Dispositiv“ gilt dem vielschichtigen Verhältnis des sprachlichen Umgangs mit Fotografie, mithin den medialen Besonderheiten von Bild und Text.

Christian Schulz
c.schulz at hbk-bs.de
Vita

Like my Selfie: Mobile Selbstfotografie als Mittler und Praktik von Anerkennung

Obgleich die Praktik der Selbstdarstellung eine lange Kulturgeschichte in Malerei und Fotografie hat, die natürlich immer auch an die jeweiligen spezifischen (medien-) technischen Bedingungen gekoppelt war, lässt sich das Selfie nur bedingt in eine Reihe mit seinen vermeintlichen historischen Vorläufern stellen. Vielmehr vertritt die Arbeit die Position, das Selfie als eigenes Gefüge zu betrachten, das nicht auf technische, soziale oder diskursive Faktoren reduziert werden kann, sondern sich vielmehr aus einem Zusammenspiel dieser Faktoren speist und zudem untrennbar mit einer sich durch Social-Media-Plattformen etablierten „Like-Ökonomie“ verwoben ist. Nicht zuletzt deshalb kann das Selfie sowohl ein Medium der Vergemeinschaftung (womit das Herstellen von Authentizität, Intimität und Nähe gemeint ist) als auch der Verdinglichung sein und ist insofern emblematisch für die komplexen intersubjektiven Aushandlungsprozesse auf Social-Media-Plattformen. Diese intersubjektiven Aushandlungsprozesse zwischen Usern mittels Selfies sollen in der Arbeit in den Fokus gerückt und anhand einer Internetethnographie der deutschen Influencer-Szene exemplifiziert werden. So werden auch die Prozesse der Stabilisierung des Selfies als sozialem Medium sichtbar. Ziel ist es so ein Forschungsdesiderat zu schließen und Selfies zum einen in ihrer relationalen Verfasstheit mit den Plattform-Architekturen, insbesondere den Likes, zu denken und sie andererseits auf Basis empirisch erhobener Forschungsdaten (sozial-) philosophisch einzuordnen.

Philip Widmann
p.widmann at hbk-bs.de

Landschaften, Diagramme. Das fotografische Moment als reflexive Strategie im essayistischen Kino

Ausgangspunkt der Dissertation sind fünf essayistische Filme von Masao Adachi, Chantal Akerman, Gerhard Benedikt Friedl sowie Jean-Marie Straub und Danielle Huillèt, die Landschaften in den Mittelpunkt stellen. Die Filme stehen geografisch und filmgeschichtlich in keinem direkten Zusammenhang – gemeinsam ist ihnen neben der zentralen Rolle der Landschaft als “Protagonistin” eine Anwendung ähnlicher formaler Mittel, die sich durch ihre Referenzierung des fotografischen Bildes auszeichnen.
Landschaft dient den Filmen als Medium der Sichtbarmachung und Verhandlung komplexer gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Prozesse sowie der damit zusammenhängenden Machtrelationen. Mittels film- und medienwissenschaftlicher sowie kulturwissenschaftlicher und -geografischer Zugänge wird in der Dissertation untersucht, auf welche Art diese Filme Landschaft sichtbar und lesbar machen, und wie sich die dazu eingesetzten kinematografischen Mittel in Herstellung und Rezeption zum Fotografischen verhalten. Die formale Grenzüberschreitung der Filme, ihr fotografisches Moment, wird als eine reflexive künstlerische Strategie untersucht, die potentiell andere Ansichten der in die gezeigten Landschaften eingeschriebenen Zusammenhänge anbietet: Als Diagramm im Sinne der deleuzeschen Lesart des Begriffs bei Foucault betrachtet wird die Doppelstruktur von Landschaft als räumliches Arrangement und Repräsentation zugleich erkennbar, in der Form und Inhalt in eins fallen.

Dörthe Wilke-Kempf
d.wilke at hbk-bs.de

Dioramafotografie als Schnittstelle zweier Medien. Über die Rolle der Fotografie im künstlerischen und historischen Kontext des naturkundlichen Dioramas

Seit ihrer Genese im 19. Jahrhundert sind Dioramen als vermittelnde Darstellung naturkundlicher Inhalte feste Bestandteile von Museen. Die immense Fülle in denen Fotografien dokumentarischer und künstlerischer Art im Zusammenhang der Dioramen auftreten, verdeutlichen ihre Relevanz innerhalb seines Gefüges und sprechen neben ihrem rezeptionsästhetischen Reiz für eine noch ausstehende kunstwissenschaftliche Betrachtung. Die in diesem Zusammenhang einzubindende Geschichte des Dioramas als Gebilde verschiedener Disziplinen wie der Naturwissenschaft sowie der Bildhauerei, Malerei und der Taxidermie, lädt zum bisher vernachlässigten Einbezug der Disziplin der Fotografie ein.
Das Diorama ist zunächst als ein interdisziplinäres Medium und hybrides Ausstellungsdisplay zu verstehen, das Naturkunde, Präparationstechniken und Disziplinen der bildenden Kunst in sich versammelt. Inwieweit das als „Windows of Nature“ betitelte Medium als adäquater Wissensvermittler oder eher als dramaturgisch wirksame Szenerie einzuschätzen ist, wurde innerhalb der Naturgeschichte diskutiert. Welchen Platz hingegen die künstlerischen und historischen, zu wissenschaftlichen Zwecken angefertigten Fotografien von Dioramen einnehmen, erweist sich als nur punktuell behandelt. Die Fotografie wurde zur Dokumentation und Inszenierung ihrer Schöpfer eingesetzt und beeinflusste die Entwicklung der Taxidermie und des Dioramas. Fotografien von Dioramen gab es also schon bevor Künstler diese zum Inhalt ihrer Arbeit machten. Zur Erforschung der Schnittstellen von Diorama und Fotografie werden künstlerische Positionen (Richard Barnes, Diane Fox, Lori Nix und Hiroshi Sugimoto) und historische Fotografien nach deren jeweiligen Spezifika, medialen Ähnlichkeiten und Differenzen untersucht und Aspekte einbezogen, die sich z.B. mit Metaphern des Todes und der Verlebendigung, Strategien der Täuschung und Enttäuschung auseinandersetzen, und dem anzunehmenden Einfluss dokumentarischer Abbildungen auf die künstlerische Rezeption nachgegangen.

Erste Generation

Stipendiat*innen 2013-2016

Carolin Anda
c.anda at hbk-bs.de

Erschließungen fremder Räume und des Selbst – Reflexionen touristischer Inszenierungsmechanismen von Urlaubsfotografien in Sozialen Netzwerken

Die Dissertation befasst sich mit einem Korpus touristischer Amateur-Urlaubsfotogafie, die ihre Zirkulation und Verwendung in sozialen Netzwerken findet und wiederkehrende Inszenierungsmechanismen aufweist. Mit der Expansion und einfachen Zugänglichkeit individueller Nutzer auf soziale Netzwerke hat sich eine neue Art der Bildarchivierung aufgetan, die Individuen ermöglicht, ihre eigenen Erinnerungsräume mittels Texten und Bildern zu erstellen. Bildsharing, einfaches Hochladen und das Erreichen von Freunden und Bekannten überschreitet die vorher dagewesene Rezeption privater Urlaubsbilder.

Gebunden an eine Reihe von Interaktions- und Selbstdarstellungsprozessen finden Urlaubsfotografien einen wichtigen Platz im medialen Prozess, um sich anderen mitzuteilen und Erlebtes zu manifestieren. Dabei heben sich einzelne Bildtypen in hohem Maße durch ihre Darstellungsarten oder durch Reaktionen/Kommentare anderer Nutzer hervor.

Ziel der Arbeit ist es, diese zu analysieren und mögliche ästhetische, kulturelle als auch fototheoretische Parallelen sichtbar zu machen. Dabei werden weitere Bild- und Motivquellen, wie etwa Film, Landschaftsmalerei, Literatur und Werbung einbezogen.

Das Wirkungspotenzial einzelner Bildtypen und die damit verbundenen Rezeptionsvoraussetzungen/Bedingungen, welche die Nutzerpartizipation und die Selbstdarstellung der Fotografen ausmachen, werden identifiziert. Dabei ist es wichtig, soziale Netzwerke als „kollektive Bildarchivräume“ zu betrachten, die Aussagen über dynamische Zusammenhänge von Bildrezeptionen und Reproduktionen einzelner Bildtypen geben können. Die Interaktion mit privatem Bildmaterial lässt neue Rezeptionsprozesse im Umgang mit Fotografie erkennen, die Dynamiken zwischen Nutzern und Medien zulässt. Inszenierungsarten mit langer Rezeptionsgeschichte finden dadurch Bestätigung oder Ablösung.

Die Dissertation begegnet dabei neueren Theoriebildungen aus den Feldern der medienwissenschaftlichen Foto- und Raumtheorie, der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung sowie sozio-kulturellen Identitätstheorien. Diese interdisziplinäre Betrachtung ermöglicht es, Potenziale oder Problematiken im Umgang mit privaten Erinnerungsträgern aufzuzeigen, die Aussagen über die Selbstwahrnehmung der Nutzer, aber auch über kulturelle Identitäten und globale Beeinflussung zulässt.

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Daniel Berndt
d.berndt at hbk-bs.de

Gefundene Fotografie und fotografisches Archivmaterial im Kontext zeitgenössischer Kunst aus dem Nahen Osten. Geschichtsschreibung – Identitätsbehauptung – Fiktion.

Seit den 1990er Jahren arbeiten im Nahen Osten auffällig viele KünstlerInnen mit Fotografie(n), um sich – in Bezugnahme auf Konzepte des Archivs, auf Praktiken der Archivierung und auf Modelle des ,kollektiven Gedächtnisses‘ – mit Problemen der Geschichtsbildung auseinanderzusetzen. Leitend ist dabei ihr Interesse, hegemoniale historische Narrative zu hinterfragen. Die Dissertation analysiert formale und konzeptuelle Ansätze ausgewählter KünstlerInnen, die Fotografien auf unterschiedliche Weise rekontextualisieren – etwa als objet trouvé oder readymade, durch formale oder historische Referenzen bzw. durch Gesten der Appropriation – und geht dabei folgenden zentralen Fragestellungen nach: Welche Auswahlkriterien entwickeln die KünstlerInnen in Bezug auf die gefundenen Fotografien und wie verhalten sich diese bzw. die formalästhetischen Verfahren der Rekontextualisierung zur Reflexion sozialer und geopolitischer Faktoren des Nahen Ostens? Wie wird solcherart ein Zusammenhang von kultureller Identität mit Diskursen der Fotografiegeschichte und -theorie hergestellt, und welche alternativen Narrationen werden dabei im Gegensatz zur etablierten Geschichtsschreibung entwickelt?

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Yvonne Bialek
y.bialek at hbk-bs.de
Vita
Abstract and CV

Ausstellungsfotografie – ein Genre zwischen Dokumentation und Inszenierung.

Ausstellungsfotografie – ein Genre zwischen Dokumentation und Inszenierung

Ausstellungsfotografien – gemeint sind Fotografien von Ausstellungen – werden in dieser Dissertation als ein eigenständiges, fotografisches Genre begriffen und als Bilder betrachtet, in denen unterschiedlich motivierte Handlungs- und Gebrauchsweisen an der Konstruktion von Ausstellungsansichten beteiligt sind. Untersucht wird, inwieweit die Fotografie das Bild von der Ausstellung nicht im dokumentarischen Sinne aufzeichnet, sondern durch ihre dispositive Struktur zum Ausdruck bringt. Während Ausstellungsfotografien von der Forschung weitestgehend als visuelle Zeugnisse erachtet werden und darin Werkzeuge der Kunstgeschichtsschreibung sind, werden sie hier in diachroner Betrachtung einer Analyse unterzogen, die verschiedene Inszenierungsstrategien von Ausstellungen im fotografischen Abbild festmacht – eine Erweiterung der These lautet: diese für das fotografische Abbild erkennt.

Die Untersuchung beginnt mit der Ausstellungsfotografie bei Gustave Le Gray, widmet sich dann den Fotografien aus den Räumen der Little Galleries of the Photo-Secession von Alfred Stieglitz und Edward Steichen, wie sie in der Publikation Camera Work erschienen, um den historischen Rückblick schließlich mit der Position Albert Renger-Patzschs und seinen Ausstellungsaufnahmen aus dem Museum Folkwang abzuschließen, der zugleich zur zeitgenössischen künstlerischen Praxis von Hans Haacke, Simon Starling und Louise Lawler überleitet.

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Daniel Bühler
d.buehler at hbk-bs.de
www.danielbuehler.de
Vita

„Let Truth be the Prejudice!“? Bildstrategien im Diskursfeld zur Wahrheit fotografischer Bilder in der professionellen fotografischen Praxis nach der Etablierung der digitalen Technik

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich zum einen Diskurse zur Wahrheit fotografischer Bilder in der professionellen fotografischen Praxis. Zum anderen, welchen Ausdruck diese Diskurse als musterhafte Bildstrategien finden. Gegenstand meines Projektes ist die Agentur Magnum Photos im Zeitraum 2000 bis 2010.

Wahrheit verstehe ich nicht als absolut, sondern als Effekt eines Diskurses. Vorstellungen von Wahrheit und damit die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit etwas als wahr gelten kann, werden als historisch kontingent und veränderbar angenommen. Vorstellungen von Wahrheit können unterschiedlich sein. In Bezug auf fotografische Bilder verstehe ich Wahrheit als Überbegriff für ein Diskursfeld, das die Begriffe z.B. der Objektivität, Authentizität, Glaubwürdigkeit und Realitätstreue umfasst.

Die Agentur Magnum zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Wahrheit für die Mitglieder ein entscheidendes Kriterium für eine Bild-Veröffentlichung ist. Die Mitglieder können als Vorbilder im Bereich der fotografischen Praxis angesehen werden. Im Gegensatz zu anderen Gruppen zeichnet sich die Gruppe nicht durch ein gemeinsames Genre aus. In der Agentur überschneiden sich die Bereiche der Kunst und des Journalismus.

Den sprachlichen Diskurs zur Wahrheit fotografischer Bilder untersuche ich anhand interner Dokumente sowie der Veröffentlichungen der Agentur und der Mitglieder im Zeitraum 2000 bis 2010. Hierbei kann ein Diskursfeld zur Wahrheit fotografischer Bilder nachgezeichnet werden, das sich von der Möglichkeit der Darstellung subjektiver Wirklichkeit durch Verfremdung bis hin zur Vorstellung, die Fotografie bilde die Realität unvermittelt ab, erstreckt.

Ich argumentiere mit der multimodalen Diskursanalyse, dass das Diskursfeld zu Wahrheit fotografischer Bilder Ausdruck in der Bild-Gestaltung der Mitglieder der Agentur findet. Die musterhaften Bildstrategien, die vor diesem Hintergrund eine diskursiv produzierte Vorstellung von Wahrheit eines Bildes nahelegen, untersuche ich anhand der Fotobuch-Veröffentlichungen und der Online-Bilddatenbank der Agentur.

Cornelia Durka
c.durka at hbk-bs.de

„Bilder … und wie man sie macht.“
Amateurfotografie, betriebliche Mitbestimmung und technologische Innovation in der BRD der 1970/1980er-Jahre

„Gerade heutzutage trägt die Fotografie zur Illusion einer humanisierten Technologie bei, die sowohl für die ‚demokratische’ Selbstdarstellung offen ist als auch für das mysteriöse Wirken des Genies. In diesem Sinne scheint die Kamera ein Musterbeispiel der freundlichen Maschine zu sein, die ein Moment der kreativen Autonomie zu bewahren im Stande ist, das den Menschen in ihrem übrigen Alltag systematisch versagt wird. Die einseitige Lyrik dieser Sichtweise wird offensichtlich, wenn wir uns die unzähligen Arten und Weisen vergegenwärtigen, durch die die Fotografie zum Werkzeug industrieller und bürokratischer Macht wurde.“

Als Allan Sekula 1983 seinen ideologiekritischen Essay „Ein Archiv lesen“ veröffentlicht hat, war in einem Unternehmen der Fotowirtschaft in der BRD gerade ein Experiment zu Ende gegangen, das die beschriebene Trennung von Arbeitsalltag und kreativer Autonomie im eigenen Betrieb zu überwinden versucht hatte. In denselben Zeitraum fällt auch die Entwicklung des Begriffs des Dispositivs durch Michel Foucault in Sexualität und Wahrheit (1976/1983).
Anhand zeitgeschichtlicher Bildquellen sollen die Implikationen dieser konvergenten Entwicklungen nachvollzogen und zur Diskussion gestellt werden.

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Mareike Herbstreit
ma.herbstreit at hbk-bs.de
Vita

Mareike Herbstreit

Aktionsrelikte. Ausgestellte Authentizität bei Chris Burden und Marina Abramović

Untersucht wird die Ausstellung von Aktionsrelikten anhand der Positionen von Marina Abramović und Chris Burden. Die Objekte werden dabei in Hinblick auf ihre Demonstration der insbesondere der Performancekunst zugeschriebenen Ideale von Unmittelbarkeit respektive Authentizität analysiert. Dabei ist zentral, dass zumeist angenommen wird, dass diese Ideale vor allem über eine Dematerialisierung zu erreichen seien und ein ausgestelltes Objekt mit dieser unvereinbar scheint. Welche Strategien zum Einsatz kommen, um diesen Eindruck zu relativieren, um das Objekt als „Nicht-Kunstwerk“ zu präsentieren oder aber den vermeintlichen Widerspruch offensiv zu thematisieren, ist Kern der Auseinandersetzung. Dabei werden Fragen der Werkkonstruktion durch Ausstellungen ebenso behandelt wie Überlegungen zu einer grundsätzlichen Extension des Performancebegriffs und nicht zuletzt die Definitionsmacht der Kunstgeschichte und ihrer Institutionen.

Die Fotografie nimmt in diesen Untersuchungen eine zentrale Position ein. Neben Beschreibungen ist sie das ubiquitäre Mittel, um Aktionskunst zu tradieren. Dementsprechend gibt es einen etablierten Diskurs hinsichtlich der Eignung bzw. Unzulänglichkeit des Mediums in dieser Funktion. Die Rolle, die der Fotografie bei der Inszenierung von Aktionsrelikten zukommt, lässt Rückschlüsse auf ihre Position als Leitmedium im Kontext von Performance zu. Reflektiert wird, ob und inwieweit die Dominanz eines fototheoretischen Diskurses einer (kommenden) Auseinandersetzung mit Aktionsrelikten seine Form aufzwingt. Zudem ist relevant, dass der Fotografie in Hinblick auf Authentizität im Rahmen von Performance-Dokumentationen eine Autorität zugesprochen wird, die uneinholbar scheint. Vor diesem Hintergrund wird analysiert, inwiefern Fotografien zur Authentifizierung der ausgestellten Relikte herangezogen werden
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Alexander Karpisek
a.karpisek at hbk-bs.de

Postdemokratie im US-amerikanischen Spielfilm: Vom unheimlichen Moment im Standbild zur Demokratisierung bewegter Bilder (vorl. Titel)

In meinem Promotionsprojekt gehe ich der These einer Redemokratisierung des narrativ orientierten Spielfilms nach.

Ausgangspunkt werden Störfaktoren in bewegten Bildern des konsensorientierten bzw. postdemokratischen Spielfilms sein. Insbesondere das Ausbremsen  bzw. die Unterbrechung des Ablaufenden. Der Einsatz des Standbildes kommt hier zum Vorschein und das ”fotografische Unbewusste” des Spielfilms speichert möglicherweise ab, was sein narrativer Bilderfluss mit Vehemenz auszuschließen versucht. Obwohl die narrative Bestimmung dieser eingefrorenen Eindrücke nicht ignoriert werden darf, führt der Stillstand aber auch in ein Areal geisterhafter Erscheinungen und unbekannter Menschen, sich widersetzender Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen.

Insbesondere Standbilder mit Menschenansammlungen – bis hinein in die Credits-Sequenzen – bieten sich zur Analyse an. Gespenster und Figuren ohne Rolle (Statisten) sind in Hinblick auf den autonomen Ausdruck oder mögliche Formen, die Akte der Selbstermächtigung darstellen, zu untersuchen. Daran schließen Fragen zur kontrollierten Verteilung der Körper, Inszenierung, Ent-Identifizierung, Ent-Ortung und Störung durch das Sichtbarwerden eines “Anteils der Anteillosen” an.

Als Fundierung einer weiterführenden Ästhetik, zu der ich anregen möchte, finden Ideen und Begrifflichkeiten aus der politischen Philosophie des Franzosen Jacques Rancière Anwendung. Als weiterer bedeutender Akzent wird sich das Konzept eines Humanismus, der nur noch marginal existiert, in diese mediale Auslotung einschreiben.

 

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Astrid Köhler
astrid.koehler at gmx.net
Academia
Vita

Astrid Köhler

L’image déjà vue. Intertextualität und Erinnerungseffekte in der inszenierten Fotografie

Das Dissertationsprojekt L’image déjà vue. Intertextualität und Erinnerungseffekte in der inszenierten Foto­grafie untersucht zeitgenössische fotografische Arbeiten, die gezielt interpiktural angelegt sind: Ikonographische Motive mit hohem Wiedererkennungswert, etwa kanonische Aktdarstellungen oder Pietà-und Totenbett-Szenen, werden re-inszeniert und in das Medium der Fotografie übertragen.

Für diese medienüberschreitenden performativen Repetitionen von unter anderem Sam Taylor-Wood und Rita Nowak ergeben sich intentionale wie auch nicht-intendierte Differenzen gegenüber mutmaßlichen ›Vorbildern‹ der Malerei, Skulptur und/oder Grafik. Diese Varianz ist unausweichlich, da in fotografischen Reprisen kontrollierbare wie auch unvorhersehbare Faktoren zusammentreten.

Um die Wechselwirkung dieser Aktionsinstanzen zu beschreiben und ›das Fotografische‹ nicht nur als Bild und Technik, sondern als zeit- und kontextgebundenes Handlungsgefüge zu erfassen, soll die Denkfigur des Dispositivs herangetragen und in ihrer Anwendbarkeit diskutiert werden. Dabei bleibt die Frage zentral, ob in der fotografischen Re-Inszenierung durch bewusstes Einbringen mnemonischer Zwischenbilder tradierte Bild- und Blickordnungen – aber auch Mediengrenzen – hinterfragt und/oder stabilisiert werden.
Die Dissertation analysiert zudem die ›Referenz en abyme‹ bildlichen Verweisens, die sich der Logik, Zuordenbarkeit und Greifbarkeit der Sprache entzieht. Im speziellen Fall fotografischer Interpikturalität entsteht eine komplexe Zeitstruktur, in der sich ikonisches Déjà vu und lichtbildnerische Einschreibung eines Gewesenen (Ça a été) verdichten. Die rezeptionsseitige Wirkung wie auch die methodischen Folgen sind zu reflektieren, wobei zwischen sprachlichen und nichtsprachlichen ›Intertexten‹ zu differenzieren sein wird.

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Ann Kristin Krahn
a-k.krahn at hbk-bs.de

Unbenannte Sitzung27943_sw_q

 

Entwurf, Ausführung und Zeitlichkeit als Motive der „Notation“ in den künstlerischen Arbeiten Dieter Appelts

Das Ziel des Dissertations-Projektes ist es, sich ausgehend vom Motiv der „Notation“ mit dem verbindenden Moment in den künstlerischen Arbeiten Dieter Appelts zu beschäftigen — ein Œuvre, das sowohl Fotografie und Film, sowie Skulptur und Aktionen vereint. Dies geschieht im Rahmen der engen Verbindungen zwischen musikalischen und mathematischen Regelsystemen und der bildenden Kunst, die im 20. Jahrhundert etwa durch Künstler wie John Cage geknüpft wurden.

Der Einfluss des Verhältnisses von Notationen zu ihrer jeweils aktuellen Realisation hat sich entscheidend auf die Betrachter-Werk-Beziehung im 20. Jahrhundert ausgewirkt. Der Künstler forme eine künstlerische Notation, erst der Betrachter bilde jedoch den „Interpreten“, der das vom Künstler entworfene Werk in der Rezeption zur „Aufführung“ bringe.   Ein erweiterter Begriff der Notation umfasst dabei alle Dimension des Notierens, des Aufschreibens, Festhaltens und Überlieferns. So werden gerade auch Fotografie und Film zu Notations-Medien par excellence.

Im künstlerischen Werk Dieter Appelts oszilliert das Grundmotiv der Notation zwischen diversen Medien und wird doch immer wieder an die Möglichkeiten des Fotografischen rückgekoppelt. Es erscheint somit untersuchenswert, die Bedeutung des Mediums „Fotografie“ im Kontext eines erweiterten Notationsbegriffs zu reflektieren, da ihr die Aspekte der Fixierung von punktuellen Ereignissen, sowie der Vollzug eines räumlichen und zeitlichen Schnitts inhärent sind.

Die Erkundungen sollen zudem in den Kontext paralleler, künstlerischer Entwicklungen eingebunden werden, denn „[e]s ist vielleicht unangebracht, das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der Notation zu bezeichnen, aber es ist auf keinen Fall zuviel versprochen, wenn wir vom erweiterten Feld bzw. Universalismus der Notation in der Kunst des 20. Jahrhunderts sprechen.“
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Philip Sack
p.sack at hbk-bs.de
Vita

Zur politischen Ökonomie visueller Inhalte

Im Rahmen meines Dissertationsprojekts beabsichtige ich, das durch Walter Benjamin geprägte Konzept des Ausstellungswertes als Instrument zur Analyse der Kondition des Bildes im Kapitalismus zu erschließen. Eine Analyse der Vorratsbildindustrie bildet hierfür die empirische Basis.

Der von Benjamin im Kunstwerkaufsatz eingeführte Begriff beschreibt die durch technische Reproduzierbarkeit bedingte Verdrängung der vormals kultischen Funktion des Bildes zugunsten seiner massenhaften Verfügbarkeit. Diese Tendenz erlangt ihre stärkste Ausprägung dort, wo Bilder selbst als Waren zirkulieren: im Vertrieb durch Agenturen für visuelle Inhalte. In dieser Vertriebsform ist das einzelne Bild umso effizienter, je vielfältiger die Kontexte sind, in denen es Verwendung findet. Jenseits konkreter Auftragsverhältnisse auf Vorrat produziert, muss es anschlussfähig an eine Vielzahl von Verwertungszusammenhängen sein. Trotz dieser ins Universelle tendierenden Offenheit, so die Arbeitshypothese meiner Untersuchung, sind als Waren zirkulierende Bilder keineswegs ‚leer’ – vielmehr kommt ihnen innerhalb dieser Vertriebsform eine spezifische Bedeutung zu.

Es gilt zu untersuchen, inwieweit das Konzept des Ausstellungswertes geeignet ist, diese spezifische Bedeutung des Bildes zu beschreiben. Auf der Grundlage einer Analyse der Verwertungslogiken des über Agenturen vertriebenen Bildes wird der Begriff des Ausstellungswertes entwickelt, und seine Angemessenheit in der Beschreibung von Sachverhalten geprüft, in denen Dinge und Körper einem Regime der visuellen Verfügbarkeit unterworfen sind.
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Kristin Schrader
k.schrader at hbk-bs.de
Vita

Irgendein Moment
Fotografische Beliebigkeit am Beispiel von Roni Horn

Ausgangs- und Mittelpunkt des Dissertationsvorhabens sind mehrteilige fotografische Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Roni Horn, die bewusst das Einzelbild als metaphysisches Paradigma durch eine Folge oft kaum wahrnehmbarer, minimaler Differenzen unterminieren.

In diesen Eigenschaften erweisen sie sich dem verwandt, was Gilles Deleuze in Das Bewegungs-Bild. Kino 1 einen beliebigen Moment nennt, der, in gleiche Abstände gesetzt, filmische Bewegung konstituiert. Der Begriff fotografischer Beliebigkeit dient in meiner Arbeit  als operatives Instrument, um  die scheinbare Absage an die Auswahl distinkter Augenblicke bei Horn zu fassen, die mit einer Verräumlichung der mindestens aus Bildpaaren oder aber Sequenzen bestehenden Arbeiten einhergeht.

Zu unterscheiden ist diese Strategie von dem in jüngerer Fotografieforschung als ‚Bilder aus Versehen’ thematisierten Konzept des Zufalls. Was sich dort als willkommen geheißene Kontingenz des unkontrollierbaren fotografischen Prozesses ausnimmt, stellt sich für Horns Vorgehen als ein absichtsvoll ausgelegter Zweifel dar, der sich durch die Abweichung der Motive voneinander und die Leerstellen zwischen den Bildern als Herausforderung an das Erinnerungsvermögen der BetrachterInnen konstituiert. Damit geht eine essentielle Verlagerung vom Dinghaften zum Subjektiven einher, die den Begriff des Fotografisch-Beliebigen produktionsseitig wie rezeptionsseitig bestimmt.

So rückt das Konstrukt des Identitären in den Fokus und mit ihm eine kritische Re-Lektüre der Arbeiten Roni Horns vor dem Horizont sozio-kultureller wie ästhetischer Konditionierungen fotografischen Handelns.

 

Linda Sandrock
l.sandrock at hbk-bs.de
Vita

Wahrnehmung und Wirklichkeitserfahrung im Krieg. Gerda Taro und Robert Capa – Fotografien des Spanischen Bürgerkriegs

In welchem Verhältnis stehen Fotografie und die Wirklichkeit eines Krieges? Dieser Frage nähert sich das Dissertationsprojekt in einer Betrachtung der fotografischen Arbeiten Gerda Taros und Robert Capas, die während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) entstehen.

Unter Berücksichtigung des pragmatischen Kontextes, der Verwendung der Fotografien in der illustrierten Presse, in Broschüren und Bildbänden, soll ihre Bild- und Wirkmacht innerhalb ihres Bildaktes und Handlungsgefüges herausgestellt werden. Wurde in einer Beschäftigung mit den Fotografien des Spanischen Bürgerkriegs bisher vorrangig auf eine veränderte Qualität des Bildjournalismus, auf die Vorstellung von der Fotografie als einer Waffe und die Idee einer engagierten Fotografie verwiesen, ohne die damit vorerst benannte Wirkungsweise ausreichend zu erläutern, so kann der Dispositivbegriff hier fruchtbar gemacht werden, um neben einer Analyse der ideologischen Codierung der Bilder insbesondere auch ihr subversives Wirkpotenzial zu erfassen. Es wird die These vertreten, dass in Taros und Capas Arbeiten den ideologischen Machtentwürfen – den Fortschritts- und Ordnungsutopien – sowohl über die dem Fotografischen inhärente Struktur wie über die Funktion des Dispositivs ein Gegengewicht verliehen wird, das jene unterläuft oder ihnen zuwiderläuft.

Ansatzpunkt der Untersuchung ist Walter Benjamins Konzept der Allegorie, das auf den Ebenen der Struktur, des Inhalts – hier sind vor allem die Denkbilder der Ruine, der Leiche, des Martyriums und des melancholischen Blickes zu nennen – wie auf der Ebene der Bedeutungskonstitution zur Beschreibung herangezogen werden kann. Darüber hinaus sollen Momente des Verbergens und Nicht-Zeigens als Rückseite einer allegorischen Schaustellung Beachtung finden.
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